Eine Walser-Familie

Gressoney-La-Trinité

Gressoney-La-Trinité (Dreifaltigkeit) vor dem Monte Rosa-Massiv
Gressoney-La-Trinité (Dreifaltigkeit) vor dem Monte Rosa-Massiv
Das Curta-Haus im Weiler Orsia (1588/1789)
Das Curta-Haus im Weiler Orsia (1588/1789)

Die Familie, deren Name sich im Deutschen und Italienischen "Curta" (sprich "kuʁta") und im savoyardischen Patois "Curtaz" schreibt (sprich "kyʁta", das "z" wird nicht gesprochen und zeigt die Betonung auf der zweitletzten Silbe an), ist seit 1445 in Gressoney (in Walserditsch: Greschonei [greʃɔˈnɛɪ]), einem Walserort auf der Südseite des Monte Rosa ansässig. Zuerst belegt ist der Notar Johann Jacob Curtaz (1436-1510), der in Orsio, einem Weiler im "Oberteil", in der heute selbständigen Gemeinde Gressoney-La-Trinité, lebte. Hier ist noch das Haus der Curtaz von 1588 / 1789 vorhanden.

 

Die Ursprünge der Familie sollen über die Curta / Curtaz in Aigle und Yvorne (Waadtland / Pays de Vaud) ins Wallis führen. Dort ist "Willelmus Curta" (dictus "de Arvilar") in Bramois (heute ein Ortsteil von Sitten) im Jahre 1278 der erste erwähnte Curta. Er war mit Bruna, offenbar einer Tochter von Girold I. de Turre, Meier von Sitten und Vitztum (Vidome) von Ollon, verheiratet und über eben diese Bruna mit Rodulphus de Saxo (aus der Familie Manegoldi) verschwägert. Es wird angenommen, dass die Curta aus Sitten/Wallis (ebenso wie die dort erwähnten Curto, von denen sich die Courten ableiten) auf die seit dem 11. Jahrhundert in der lombarischen Stadt Gravedona am Comer See und dann auch in Cantù ansässige Notar- und Kaufmannsfamilie Curti zurück gehen. Das bezeugen noch bis Mitte des 14. Jahrhunderts aufrecht erhaltene familiäre Beziehungen in die Lombardei um Como, Cantù und Gravedona und persönliche Zuschreibungen wie "Lumbardi", die wir noch in den drei folgenden Generationen finden.


Gressoney-Saint-Jean

Postkartenansicht (Ende des 19. Jhd.)
Postkartenansicht (Ende des 19. Jhd.)
Die kath. Kirche in Gressoney-Saint Jean
Die kath. Kirche in Gressoney-Saint Jean
Das alte Curta-Haus in Ober-Chaschtel von 1580 mit der vom Notar Johann Angelin Curta 1670 erbauten Kapelle
Das alte Curta-Haus in Ober-Chaschtel von 1580 mit der vom Notar Johann Angelin Curta 1670 erbauten Kapelle

Im Laufe der Zeit breitete sich die Familie auch im „Mittelteil“ und „Unterteil“ aus, welche heute die selbständige Gemeinde Gressoney-Saint-Jean bilden. Hier baute Johann Jacobs Urenkel, der Notar Angelin Curtaz, im Weiler „Castel“ im Jahre 1580 das noch bestehende „alte Curta-Haus“. Alle drei Gressoneyer Familienzweige, die „Curta Branche Castel / Chemonal“, die „Curta Branche Castel / Oberrhein“ sowie die „Curtaz Branche Capaluogo / Prédelys" haben hier ihren Ursprung. Ein weiterer Zweig hat sich aus Orsio im 17. Jahrhundert im benachbarten oberen Ayastal (Canton des Allemands) etabliert mit Nachkommen in Extrepiraz (patois: Ehtrepira), Brusson (patois: Breutson/Brétson, Walserditsch: Britse), in Verrès sowie in Ivrea.

 

Die Curta übten zumeist den Kaufmannsberuf aus, waren Notare, Gerichtsschreiber oder Richter. Aber auch über ein Dutzend Pfarrer gab es in der Familie – und fast ebenso viele Kunstmaler, vor allem aus dem Zweig „Castel / Chemonal“ („z’Moalersch“). Johann Joseph Anton Curta (1782-1829) zum Beispiel hat den Kreuzweg vor der Pfarrkirche Saint Jean gemalt. Franz Curta (1827-1861) malte das letzte Gericht, ein Fresko an der Kapelle von Lignod (Ayastal). Großen Bekanntheitsgrad hat auch der Kaufmann, Maler, Fotopionier und Philanthrop Valentin Curta (1861-1929) durch den ersten Reiseführer für Gressoney und seine Chronik "Gressoney einst und jetzt" erlangt.

 

Heute leben in Gressoney nur noch Familien der "Curtaz Branche Capaluogo / Prédilys" mit Nachkommen u.a. in Turin, Indonesien und England. Ebenso finden sich in Brusson, in Verrès sowie in Ivrea noch Nachkommen des Nebenzweigs im Ayastal. Die beiden Zweige aus Castel sind in Gressoney ausgestorben, haben aber durch Auswanderungen nach Deutschland am Oberrhein ihre Fortsetzung gefunden (Zweig "Castel / Oberrhein").


Am Oberrhein

Freiburg im Breisgau mit seinem Münster
Freiburg im Breisgau mit seinem Münster
Das Litschgi-Haus in Bad Krozingen
Das Litschgi-Haus in Bad Krozingen
Kirche von Oberweier
Kirche von Oberweier
Das Ortszentrum von Kappel am Rhein
Das Ortszentrum von Kappel am Rhein

Da in der sog. "kleinen Eiszeit" vom 15. bis ins 19. Jahrhundert die Landwirtschaft nicht mehr zur Ernährung ausreichte, verdienten sich viele Gressoneyer als Kaufleute in der Schweiz und am Oberrhein. Nicht umsonst ist Gressoney in zeitgenössischen Karten als "Krämertal" verzeichnet. Als Teil des Herzogtums Savoyen gehörte es damals zwar auch zum römisch-deutschen Reich. Aber vor allem durch ihre alemannische Muttersprache fanden die Gressoneyer leicht Zugang zu den Menschen im Berner Land, am Zürich- oder Bodensee, wie auch im Schwarzwald sowie auf der badischen oder elsässischen Seite des Rheintals.

 

Die Curta haben unter den Gressoneyer Kaufleuten neben den Litschgi die frühesten und engsten Beziehungen zur Region am Oberrhein. Ein Hans Curta ist in Freiburg im Breisgau schon vor 1501 Mitglied der Kaufmannszunft "Zum Falkenberg". Zwischen 1556 und 1658 verweisen mindestens 89 Eintragungen in den Standgeldbüchern der Freiburger Jahrmärkte auf Curta aus Gressoney. Einige gründeten hier auch Handelsniederlassungen. So war Johann Angelins Sohn Peter Curta aus dem Zweig "Castel / Oberrhein" seit 1684 Mitglied der Freiburger Kaufmannszunft "Zum Falkenberg" und öffnete hier 1698 ein Tuchgeschäft. Seine Schwester Johanna war Ehefrau des aus Gressoney stammenden Kaufmanns und Großunternehmers Johannes Litschgi im benachbarten Krozingen, wo dieser als "Fugger" des Breisgaus bekannt wurde.

 

Auch Peters Enkel Johann Joseph Curtaz (1733-1796), Sohn des gleichnamigen Notars Johann Joseph Curta (1698-1779), wurde zwölfjährig zu Verwandten in die Schweiz oder nach Südbaden geschickt, um den Beruf des Tuchhändlers zu erlernen. Wahrscheinlich kam er zu seinem Onkel Johannes Michael Curta, Sohn des 1737 verstorbenen Peter Curta in Freiburg. Als Kaufmann ließ er sich dann um das Jahr 1764 nördlich von Freiburg in Oberweier bei der aufstrebenden Handels- und Industriestadt Lahr am Westrand des mittleren Schwarzwaldes nieder. Dort war er zweimal verheiratet und hatte insgesamt zwölf Kinder. Nachfahren von Johann Joseph Curtaz sind heute noch in drei Familien in Oberweier und dem Nachbarort Friesenheim sowie in Offenburg, Ladenburg und bei Hamburg zu finden.

 

Der älteste Sohn von Johann Joseph Curtaz aus Oberweier, Johann Valentin (1780-1840), wurde ebenfalls traditionsgemäß in die Kaufmannslehre geschickt. Enge Verbindungen bestanden zu dem von den z'Moalersch in Chemonal (Gressoney) abstammenden Kaufmann Johann Franz Valentin Curta (1748-1805), der Johann Joseph Curtaz wohl durch seine Ausbildung in der Schweiz und Südbaden kannte, sich danach 1788 in Hüfingen am Ostrand des Südschwarzwaldes niederließ und ein Kontor eröffnete. Er war wohl nicht nur Namens- sondern wohl auch Taufpate von Johann Valentin und nach dessen Vaters frühem Tod im Jahre 1796 auch Vormund des damals 16-Jährigen. Denn unter seiner Anwesenheit als Trauzeugen heiratete Johann Valentin 1803 unweit von Oberweier in Kappel am Rhein, und ließ sich dort als Kaufmann und später Schneidermeister nieder. Die Schreibweise des Namens der Familie änderte sich in Kappel im Gegensatz zur Oberweirer Verwandtschaft über Curta und Kurta zu Korta. Heute leben noch acht Familien dieses Zweigs in und um Kappel sowie drei weitere in Speyer und bei Karlsruhe.

 

( 2. 11. 2017 - 30. 8. 2020)


Wappen und Siegel

v.l.n.r.: Wappen der Curti (Gravedona), Wappen der Courten (Wallis), Siegel und Kaufmannszeichen von Peter Curta (1698, 1734), Wappen der Curta Branche Castel und Chemonal, Wappen der Curtaz Branche Capaluogo und Prédilys