Eine Walser-Familie

Blick auf Gressoney Saint Jean und dem Monte Rosa - im Vordergrund der Weiler Greschmattò und das Curta-Haus von 1547 (vordere Reihe, 2. v. l., querstehend), Postkartenansicht von 1894
Blick auf Gressoney Saint Jean und dem Monte Rosa - im Vordergrund der Weiler Greschmattò und das Curta-Haus von 1547 (vordere Reihe, 2. v. l., querstehend), Postkartenansicht von 1894

Gressoney - La Trinité & Saint Jean

Der "Oberteil", Gressoney La Trinité, vor dem Monte Rosa-Massiv
Der "Oberteil", Gressoney La Trinité, vor dem Monte Rosa-Massiv
Das Curta-Haus im Weiler Orsia (1588/1789)
Das Curta-Haus im Weiler Orsia (1588/1789)

Die Familie, deren Name sich im Deutschen und Italienischen "Curta" (sprich "kuʁta") und im savoyardischen Patois "Curtaz" schreibt (sprich "kyʁta", das "z" wird nicht gesprochen und zeigt die Betonung auf der zweitletzten Silbe an), ist bereits 1445 in Gressoney (in Walserditsch: Greschonei [greʃɔˈnɛɪ]), einem Walserort auf der Südseite des Monte Rosa belegt. Zuerst finden wir den Notar Johann Jacob Curtaz (1436-1510), der in Orsio, einem Weiler im "Oberteil", in der heute selbständigen Gemeinde Gressoney-La-Trinité, lebte. Hier ist noch das Haus der Curtaz von 1588 / 1789 vorhanden.

 

Die Ursprünge der Familie sollen über die Curta / Curtaz in Aigle und Yvorne (Waadtland / Pays de Vaud) ins Wallis führen. Dort ist "Willermus de Arvilar" dictus "Curta" in Bramois (heute ein Ortsteil von Sitten) im Jahre 1278 der erste erwähnte Curta. Er war offenbar mit Bruna, vermutlich einer Tochter von Girold I. de Turre, Meier von Sitten und Vitztum (Vidome) von Ollon, verheiratet und über eben diese Bruna auch mit Rodulphus de Saxo (aus der Familie Manegoldi) verschwägert. Es wird angenommen, dass die Curta/Curto aus Sitten/Wallis (von denen sich auch die Courten ableiten) auf die seit dem 11. Jahrhundert in der lombarischen Stadt Gravedona am Comer See und dann auch in Cantù ansässige Notar- und Kaufmannsfamilie Curti zurück gehen. Das bezeugen noch bis Mitte des 14. Jahrhunderts aufrecht erhaltene familiäre Beziehungen in die Lombardei um Como, Cantù und Gravedona und persönliche Zuschreibungen wie "Lumbardi", die wir noch in den drei folgenden Generationen finden.


Gressoney - Saint Jean

Das von Johannes Curta 1547 erbaute Haus in Greschmattò, das noch unter dem Châtelain Johann Joseph Curtaz (1708-93) im Besitz der Familie war
Das von Johannes Curta 1547 erbaute Haus in Greschmattò, das noch unter dem Châtelain Johann Joseph Curtaz (1708-93) im Besitz der Familie war
Die kath. Kirche in Gressoney-Saint Jean
Die kath. Kirche in Gressoney-Saint Jean
Das alte Curta-Haus in Ober-Chaschtel von 1580 mit der von Johann Angelin Curta 1670 erbauten Kapelle
Das alte Curta-Haus in Ober-Chaschtel von 1580 mit der von Johann Angelin Curta 1670 erbauten Kapelle

Schon bald breitete sich die Familie auch in den „Mittelteil“ und „Unterteil“ von Gressoney aus, welche heute die selbständige Gemeinde Gressoney-Saint-Jean bilden. Hier ist Johann Jacobs Enkel Johannes Curta (ca. 1500 - ca. 1575) Notar für die Herren von Vallaise und einer der Gemeindeältesten. Das 1547 von ihm erbaute Haus in Greschmattò ist heute das älteste in Gressoney nach der Kirche. Sein Sohn Angelin Curta (in Walserditsch "Hanschelin" für "kleiner Hans") war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Notar, Sindaco (Bürgermeister) und offenbar auch Vogt (Châtelain). Er baute im Jahre 1580 das ebenfalls heute noch bestehende "alte Curta-Haus" in Castel. Wir finden in Saint-Jean bald mehrere Familienzweige: von Angelin ausgehend die "Curtaz Branche Capaluogo/Predelais" und "Curta Branche Castel/Oberrhein" sowie ab dem 18. Jahrhundert auch die "Curta Branche Chemonal" ("z'Moalersch") aus Orsio. Aus Castel hat sich im 17. Jahrhundert ein weiterer Zweig im benachbarten oberen Ayastal etabliert mit Nachkommen in Extrepiraz (patois: Ehtrepira), Brusson (patois: Breutson/Brétson, Walserditsch: Britse), in Verrès sowie in Ivrea.

 

Die Curta übten zumeist den Kaufmannsberuf aus, viele waren Notare oder vereinzelt Gerichtsschreiber, Richter oder Vogt. Aber auch über ein Dutzend Pfarrer gab es in der Familie – und fast ebenso viele Kunstmaler, vor allem aus dem Zweig „Chemonal“ („z’Moalersch“). Johann Joseph Anton Curta (1782-1829) zum Beispiel hat den Kreuzweg vor der Pfarrkirche Saint Jean gemalt. Franz Curta (1827-1861) malte das letzte Gericht, ein Fresko an der Kapelle von Lignod (Ayastal). Großen Bekanntheitsgrad hat auch der Kaufmann, Maler, Fotopionier und Philanthrop Valentin Curta (1861-1929) durch den ersten Reiseführer für Gressoney und seine Chronik "Gressoney einst und jetzt" erlangt.

 

Heute leben in Gressoney nur noch Familien der Curtaz Branche Capaluogo/Predelais mit Nachkommen u.a. in Turin, Indonesien und England. Ebenso finden sich in Brusson, in Verrès sowie in Ivrea noch Nachkommen des Nebenzweigs im Ayastal. Die übrigen Zweige sind in Gressoney ausgestorben. Allerdings haben die Curta Branche Castel und Branche Chemonal durch Auswanderungen an den Oberrhein in Deutschland eine Fortsetzung gefunden.


Am Oberrhein

Freiburg im Breisgau mit seinem Münster
Freiburg im Breisgau mit seinem Münster
Im Haus "Zum Rothen Hahnen" in Freiburgs Salzstraße hatte Peter Curta sein Tuchgeschäft
Im Haus "Zum Rothen Hahnen" in Freiburgs Salzstraße hatte Peter Curta sein Tuchgeschäft
Kirche von Oberweier
Kirche von Oberweier
Das Ortszentrum von Kappel am Rhein
Das Ortszentrum von Kappel am Rhein

Da in der sog. "kleinen Eiszeit" vom 15. bis ins 19. Jahrhundert die Landwirtschaft nicht mehr zur Ernährung ausreichte, verdienten sich viele Gressoneyer als Kaufleute in der Schweiz und am Oberrhein. Nicht umsonst ist Gressoney in zeitgenössischen Karten als "Krämertal" verzeichnet. Als Teil des Herzogtums Savoyen gehörte es damals zwar auch zum oberrheinischen Kreis des römisch-deutschen Reichs. Aber vor allem durch ihre alemannische Muttersprache fanden die Gressoneyer leicht Zugang zu den Menschen im Berner Land, am Zürich- oder Bodensee, wie auch im Schwarzwald sowie auf der badischen oder elsässischen Seite des Rheintals.

 

Die Curta haben unter den Gressoneyer Kaufleuten neben den Litschgi die frühesten und engsten Beziehungen zur Region am Oberrhein. Ein Hans Curta ist in Freiburg im Breisgau schon vor 1501 Mitglied der Kaufmannszunft "Zum Falkenberg". Zwischen 1556 und 1658 verweisen mindestens 89 Eintragungen in den Standgeldbüchern der Freiburger Jahrmärkte auf Curta aus Gressoney. Einige ließen sich hier auch nieder und gründeten eine Handelsniederlassung. So war Peter Curta (ca. 1660 bis 1737), Sohn des Gerichtsschreibers Johann (Angelin) Curta aus dem Zweig "Castel / Oberrhein", schon 1684 Mitglied der Freiburger Kaufmannszunft "Zum Falkenberg", ging hier im Jahre 1698 eine zweite Ehe ein und eröffnete ein Tuchgeschäft. Peter war Schwager und Geschäftspartner des Krozinger Kaufmanns und Großunternehmers Johannes Litschgi, der auch "Fugger" des Breisgaus genannt wurde. Die beiden kannten sich aus Kindheitstagen. Peters Elternhaus in Ober-Castel und das Gut "Ecko", der Stammsitz der Familie Litschgi in Gressoney, liegen nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Und auch über die Wahl ihrer Ehefrauen blieben die beiden verbunden, als der eine die jüngere Schwester des anderen heiratete. 

 

Peters Geschäft im "Haus zum Rothen Hahnen" in der renommierten Freiburger "Salzgasse" übernahm Johannes Michael Curta, ein Sohn aus zweiter Ehe. Es übte aber auch im Verwandtenkreis eine große Anziehungskraft aus: wie zum Beispiel auf Johann Joseph Curtaz (1736-1796), den Sohn von Peters gleichnamigen, in Gressoney aufgewachsenen Sohn aus erster Ehe. Dieser verließ seine Heimat am Monte Rosa neunjährig, um bei seinem Onkel in Freiburg den Beruf des Tuchhändlers zu erlernen. Auch den von "z'Moalersch" in Chemonal (Gressoney) abstammenden Johann Franz Valentin Curta (1746-1805) zog es zur Ausbildung nach Südbaden. Zwischen den beiden bestanden offenbar enge Kontakte, die noch währten, als sie - getreu dem Grundsatz der Gressoneyer Kaufleute, sich stets zu unterstützen und nie in Konkurrenz zueinander zu stehen, - sich auch in einiger Entfernung voneinander niederließen und ein eigenes Kontor unterhielten: Johann Joseph um 1764 nördlich von Freiburg in Oberweier bei der aufstrebenden Handels- und Industriestadt Lahr am Westrand des mittleren Schwarzwaldes und Johann Franz Valentin 1788 in Hüfingen am Ostrand des Südschwarzwaldes. 

 

In Oberweier war Johann Joseph Curtaz zweimal verheiratet und hatte insgesamt zwölf Kinder. Der älteste Sohn, Johann Valentin Curta (1780-1840), dessen Namens- und Taufpate der Hüfinger Verwandte war, wurde traditionsgemäß zum Tuchhändler und Schneider ausgebildet. Er heiratete im Jahre 1803 in Kappel am Rhein, unweit von Oberweier, Barbara, die Tochter des Fischers Michael Leser, und ließ sich dort als Kaufmann nieder. Die Schreibweise des Namens der Familie änderte sich in Kappel im Gegensatz zur Oberweirer Verwandtschaft über Kurta zu Korta. Heute leben noch acht Familien dieses Zweigs in und um Kappel sowie drei weitere in Speyer und bei Karlsruhe. Über Johann Valentins jüngeren Bruder, den Schneidermeister Ignaz Curtaz (1790-1852), sind heute noch Nachfahren in drei Familien in Oberweier und dem Nachbarort Friesenheim sowie in Offenburg, Ladenburg und bei Hamburg zu finden.

 

Das beginnende 19. Jahrhundert war gerade für Kaufleute eine unsicherere Zeit. Nicht nur das Geschäft wurde schwieriger, auch die Napoleonischen Kriege brachten unkalkulierbare Gefahren und tragische Schicksale mit sich. Ein solches erlitt Johann Franz Valentin Curta und seine Familie, als er im Jahre 1805 von einem österreichischen Soldaten in seinem Laden in Hüfingen ermordet wurde. Seine Witwe Rosina hatte es aber mit der Hilfe ihrer Familie geschafft, die elf Kinder großzuziehen und auf einen guten Weg zu bringen: Unter ihnen finden wir einen Kaufmann und Posthalter, einen Wachsfabrikanten und Gastwirt sowie einen Kunstmaler. Der jüngste Sohn, Franz Joseph Curta (1801-1861), beherrschte 15 Sprachen und wurde Privatlehrer der Fürstenfamilie zu Fürstenberg in Donaueschingen, die sich nach seinem und seiner Frau frühen Tod um die jüngsten Kinder mit familiärer Herzlichkeit kümmerte und sie gut verheiratete: Marie Eva mit Charles de Malliard de Châtonnaye bei Fribourg (Schweiz) und Amélie mit Arthur de Mauraige aus Maubeuge im französisch-belgischen Grenzland. Für Amélies Kinder waren Fürst Karl Egon III. und seine ältere Schwester Elisabeth noch Taufpaten. Nachfahren dieses Zweigs von „z’Moalersch“ am Oberrhein fanden sich noch bis zum Zweiten Weltkrieg in Mannheim und in Berlin.

 


Hüfingen und das Curta-Epitaph an der Leonhardskapelle zum Andenken an Johann Franz Valentin Curta (1746-1805) und seine Frau Rosina, geb. Burckhardt (1768-1808).

Wappen und Siegel

v.l.n.r.: Wappen der Curti (Gravedona), Wappen der Courten (Wallis); Siegel und Kaufmannszeichen von Peter Curta (1698, 1734), ein Vierkopfschaft; Wappen der Curta Branche Castel und Chemonal; Wappen der Curtaz Branche Capaluogo und Predelais